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Michael Schwarz

Friedhelm Kranz – World in Arms

Eröffnung am 13.10.2015 im raumLABOR

 

In den USA besitzen von 100 Einwohnern 92 eine Waffe, Deutschland ist nach den USA und Russland der Welt drittgrößter Waffenlieferant – gleichauf mit China. Trotz parlamentarischer Kontrolle können auch größere Waffensysteme (in der Regel über Tochtergesellschaften) praktisch an jedes Land geliefert werden. Im Hamburger Hafen wurden 2014 15.000 Tonnen Munition verladen. Fragen nach Menschenrechtsverletzungen oder gar nach den Einsatzgebieten werden in vielen Ländern nicht gestellt oder wenn sie gestellt werden, unzureichend und in jedem Fall folgenlos beantwortet. Eine 2013 von den Vereinen Nationen beschlossene verstärkte Kontrolle des Waffenhandels blieb weitgehend wirkungslos.

Die Zustände im internationalen Waffenhandel sind mafiös, Rendite gesteuert, menschenverachtend – aber lassen sie sich mit den Mitteln der Kunst in Bildern, Objekten, Installationen darstellen? Nein! Nein, weil sie viel zu undurchsichtig und komplex sind, um in ein Bild zu passen. Eine Darstellung, die wir verstehen, die uns angeht, die uns vielleicht sogar betroffen macht, funktioniert nur über nachvollziehbare Geschichten. Friedhelm Kranz findet für sein Werk, das hier erstmals zusammenhängend ausgestellt ist, bildmächtige Geschichten aus der brutalen Welt des Waffenhandels und Waffengebrauchs. Wie zum Beispiel die von John Hinckley, der am 30. März 1981 mit einem in Deutschland hergestellten Röhm rg-14-Revolver vor dem Hilton in Washington sechs Schüsse auf den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan abgab, um – so der Plan – nach dem Tod des Präsidenten mit Jodie Foster, für die er eine unheilbare Obsession entwickelt hatte, nachdem er sie in Scorsese’s Taxi Driver gesehen hatte, ins Weiße Haus einzuziehen. Reagan und seine beiden Leibwächter wurden leicht verletzt, der Pressesprecher des Weißen Hauses, James Brady (hier am Boden liegend), wurde am Kopf getroffen und erlitt bleibende Gehirnschäden. Friedhelm Kranz zeigt in dieser Werkserie Ursache, Voraussetzung und Auswirkung dieses Attentats. Das Unglück begann, als der schwer depressive John Hinckley die damals 13-jährige Jodie Foster sah, die in Taxi Driver eine minderjährige Prostituierte spielt. Hier zu sehen in einer bildfüllenden Porträtansicht aus unseren Tagen, als Einzelbild wie rechts oder begleitet von zwei auf das Porträt gerichteten Revolvern mit dem beängstigenden Satz »love to kill«. Die Revolver sind stark vergrößert und bekommen dadurch auch etwas Porträthaftes,

werden aber durch die Rasterung verfremdet, und es entsteht ein distanzierendes Bild dieser tödlichen Waffe, die in der Szene hinter mir zum Einsatz kam.

 

Der handgeknüpfte Teppich entstand nach dem berühmt gewordenen Foto von Michael Evans, dem persönlichen Fotografen des Präsidenten, das dieser geistesgegenwärtig geschossen hatte, während der Attentäter überwältigt wurde. Es stammt aus dem Internet und wird vertrieben über die Agentur Reuters. Friedhelm Kranz kommentiert dieses Attentat als Folge des nahezu freien, ungehinderten Zugangs zu den Waffen (übrigens längst auch zu halbautomatischen Waffen, wie sie bei Amokläufen in den Schulen der Vereinigten Staaten zum Beispiel 1999 in der Colombine High School in Littleton, Colorado zum Einsatz kam) mit noch größerer Distanz zum gewählten Fotomotiv, indem er  das millionenfach reproduzierte, medial vernutzte Bild durch Übertragung auf einen handgewebten Teppich erneut auratisiert.

Nicht nur in unserer Kultur sind Teppiche etwas Kostbaren, allemal dann, wenn sie an der Wand hängen. Auf ihnen ließen sich in früheren Jahrhunderten die Herrschenden in mythologischen Szenen und Bildgeschichten feiern, oft lieferten berühmte Künstler die Vorlagen für diese Apotheosen. Heute ist diese Bildtechnik weitgehend außer Gebrauch, fristet bestenfalls in gewebten Sofabildern mit röhrenden Hirschen noch eine Nischenexistenz. In der zeitgenössischen Kunst wird die Technik gelegentlich dann eingesetzt, wenn es gilt, dem Dargestellten eine kritische Distanz zugeben (Alighiero e Boetti, Rudolf Stingl). Bei Friedhelm Kranz verleiht das Medium dem ikonischen Foto von Michael Evans eine irritierende Bildwirklichkeit, verstärkt durch ein verfremdendes Bildraster und eine cremige Farbigkeit, die sich weit von der Farbskala der Vorlage entfernt hat. Der Teppich mit dem Titel »Six Bullits« bildet den Abschluss und Höhepunkt dieser zentralen Bildfolge, die in der amerikanischen Wirklichkeit mit Jodie Foster’s Auftritt in »Taxi Driver« begann und mit den sechs Schüssen aus der Röhm rg-14 ein tragisches Ende fand.

Familien, vor allem Väter, wollen Jungen. Das war in den englischen Königshäusern so, in denen Ehefrauen, die ihrem König keine Söhne gebären konnten (siehe Heinrich VIII.), kurzerhand exekutiert wurden, das ist in Indien und China so, wo seit Jahren eine Praxis der selektive Abtreibung verbreitet ist, und das ist auch in Afrika so, wo Frauen Söhne wollen, um Ihre Stellung in der Großfamilie zu stärken oder um ihrem Stamm Ernährer und ihrem Volk Kämpfer zu schenken. Seit Jahrhunderten hält sich in Afrika der Aberglaube, das

werdende Mütter, die die größere und saftigere der beiden Knollen einer Orchidee essen, einen Sohn bekommen werden. Friedhelm Kranz generiert Bildtafeln, auch hier nach Vorlagen aus dem unerschöpflichen Fundus, den das Netz zur Verfügung stellt, um in seiner Installation auf die Erniedrigung, Ausbeutung und Ermordung von Kindern in den Kohle- und Diamantenminen, vor allem aber in den Kinderarmeen der zentralafrikanischen Bürgerkriegsländer Nigeria, Kongo, Somalia oder dem Tschad hinzuweisen, denn er stellt den farbigen Bildtafeln der Orchideen schwarzweiß-Bildnisse von afrikanischen Mädchen gegenüber und postierte unter den Bildnissen der Mädchen drei Stapel Munitionskisten (Sie erinnern sich an die 15.000 t Munition, die jährlich im Hamburger Hafen verladen werden), aus denen das »Lied der Savanne« ertönt, eine Toncollage, die an das »Spiel mir das Lied vom Tod« erinnert, grundiert mit Schüssen, die viele Mädchen hören, wenn sie die weiten Wege zur nächsten Wasserstelle zurücklegen. Verglichen mit der Arbeit »Six Bullits« hat Friedhelm Kranz hier nicht nur sein mediales Repertoire erweitert, sondern auch die Intensität seiner Werke erhöht, eine Intensität, die der Betrachter (gerade auch in dieser Präsentation) unmittelbar spürt.

Meine Damen und Herren, Kunst kann die Welt nicht verändern, aber Kunstwerke können an das Unrecht, den Missbrauch von Macht, an die ständige Menschenrechtsverletzungen und eben an den oft atavistische Gebrauch von Waffen überall in der Welt, aber besonders in den Vereinigten Staaten, erinnern. Trotz der jüngsten

Attentate wird der Kongress die Waffengesetze wieder nicht verschärfen unter anderem auch deshalb nicht, weil die Waffenlobby ausreichend viele Abgeordnete alimentiert und das seit Jahren. Friedhelm Kranz aber legt mit seinen Arbeiten genau hier den Finger in die Wunde. Er tut das mit avancierten Mitteln und suggestiven Motiven – und wenn es auch nur Einige wenige sein sollten, die dieser Botschaft erreicht, so wäre schon etwas erreicht. Vielleicht mögen Sie ja dabei sein, wenn Sie nicht dabei sind.